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Der braune Labrador‑Schnauzer‑Mischling im Video war ein Hund, der nach klassischer Rudelstruktur erzogen wurde. Noch nicht einmal anderthalb Jahre alt, biss er ein kleines Mädchen massiv ins Gesicht. Auch gegenüber anderen Hunden und Katzen zeigte er starke Aggressionen. Nio gehorchte Kommandos aufs Wort – doch am Ende nützte das alles nichts.
Das Problem bei dieser Art der Erziehung ist, dass man den Hund ständig kontrollieren und mit Befehlen steuern muss. Sobald der Mensch abgelenkt ist oder aus irgendeinem Grund den nötigen Druck nicht aufbauen kann, wird es gefährlich. Genau das ist passiert: Der Vorfall geschah nicht den Besitzern selbst, sondern einem Bekannten, der mit Nio unterwegs war. Die junge Familie erhielt daraufhin strenge Auflagen vom Veterinäramt – und so kamen sie zu uns.
Wir merkten schnell, dass die Familie nach der Beissattacke tiefes Misstrauen gegenüber Nio hatte. Sie hatten Angst, dass er auch die eigenen Kinder verletzen könnte. Wir schlugen ihnen deshalb vor, mit einem jungen Irish Setter von uns neu zu beginnen, während wir Nio übernehmen und therapieren würden. Das Risiko eines weiteren Vorfalls war einfach zu gross.
Wir führten Nio Schritt für Schritt aus der hierarchischen Erziehung heraus und begleiteten ihn auf unserem Weg. Er durfte lernen, ohne Druck zu leben, Entscheidungen selbstständig zu treffen und Vertrauen aufzubauen. Nio verbrachte danach zwölf glückliche Jahre bei uns. Für unsere Enkel war er ein liebevoller Spielgefährte – sie nannten ihn zärtlich „Brumbär“. Im Frühjahr 2021 ist er altersbedingt verstorben.
Viele sagen jetzt vielleicht: „So einen Hund gibt man doch niemand anderem mit.“ Aber genau das ist nicht der eigentliche Punkt. Jeder, der einen solchen Hund hat – und das sind viele – ist nie davor geschützt, dass der Hund in einer unvorhergesehenen, schwierigen Situation zubeisst. Man kann sich nur auf Hunde verlassen, die selbst richtig reagieren, weil sie gelernt haben, Situationen eigenständig einzuschätzen. Das gilt für jedes Fehlverhalten, auch fürs Jagen.
Nur zu sagen: „Aber sonst ist er ein ganz Lieber“, reicht leider nicht. Und es spielt keine Rolle, ob es ein grosser oder ein kleiner Hund ist.
